achtzehn + 12 =

4 + 2 =

Auf eine Konferenz mit Kids? So normal, wie es im angloamerikanischen Raum ist, so skeptisch beäugt werde ich im deutschsprachigen Raum, wenn ich eines meiner Kinder auf eine Konferenz mitbringe. Dabei bin ich ja als Kommunikationswissenschaftlerin nicht einmal eine solche Exotin wie Frauen sonst in den technischen Wissenschaften. Okay, die Erfahrungen waren unterschiedlich. Aber alle sehr spannend und bereichernd. Wie geht es als Frau, das Vollzeit arbeiten mit Kind? Und geht es mit vier Kindern? Warum lasse ich die Racker bei Konferenzen nicht einfach zu Hause? Warum tue ich sie mir an, die oftmals verwunderten Blicke, die „Degradierung“ von der Frau Professor zur Konferenz-Mutter?

Vollzeit arbeiten mit Kind ist „Konferenz-Spagat“

Das hat großteils mit der viel besungenen Work-Life-Balance zu tun. Für mich sind das nicht zwei Dinge, die es bestmöglich in Balance zu halten gilt. Ich bin ich, ob im Arbeitsleben oder im Privaten. Und im Gesamten hat das Leben viele Aspekte. Lehren, auf Konferenzen die eigene Forschung präsentieren oder wissenschaftliche Interviews führen – für mich ist das nicht etwas, was ich alleine in meinem Elfenbeinturm machen will. Ich will mit Herz und Seele das tun, was mit Spaß macht. Vollzeit arbeiten mit Kind, mit Kindern, mit meinen vier Kindern. Ich will diese Erfahrungen mit meinen Liebsten hautnah teilen. Mit allem, was dazu gehört. Deshalb war „Konferenz mit Kids“ als Modell von Beginn an eng mit unserem Familienleben verwoben. Manchmal mit, viel aber auch ohne Van. Und für mich inzwischen irgendwie Normalität, unsere Jüngsten auf Konferenzen oder Vortragsreisen dabei zu haben.

Vollzeit arbeiten mit Kind, hier mit Emil beim Innovationskongress

Wir haben das Thema „Konferenz und Kinder“ in unserem Leben schon in den unterschiedlichsten Varianten ausprobiert. Jede Variante hat seine Vor- und Nachteile. Deshalb hier eine Gegenüberstellung zwei zentraler, von uns „getesteter“ Modelle für Konferenz- und Vortragsreisen mit Kindern.

Modell 1: „Familie reist mit“

2008, da war er, der Kaspar, unser Erstgeborener. Und da war er, mein Wiedereinstieg in die Arbeit. Das erste Ziel: ein Vortrag auf der Jahrestagung der Kommunikationswissenschaftlichen Fachgesellschaft der Schweiz in Lugano im Frühjahr. Nachdem Stefan in Karenz/Vaterschaftsurlaub und damit beruflich nicht gebunden war, trafen wir schnell die Entscheidung: Wir fahren alle zusammen. Kleine Ferienwohnung und Zug gebucht, Konferenzregistrierung und finanzielle Unterstützung für meinen Teil der Reise gecheckt und los ging’s.

Auf den Spuren von Hermann Hesse haben wir den Tessin entdeckt. Unterwegs sind wir durch Kaspars ersten Infekt getaucht und haben die milden Temperaturen genossen. Ach ja, und dann war da ja noch die Konferenz. In dieser durfte ich neben all dem Networking und wissenschaftlichen Austausch insbesondere meine Erkenntnisse aus meinem Dissertationsprojekt zum Thema „Gesundheitsöffentlichkeit“ vorstellen.

Soweit die spannenden Koordinaten der Reise. Insgesamt jedoch verlangt das „Familie-fährt-mit“-Modell sowohl im Vorfeld, aber auch vor Ort einiges an Koordination und Planung, um das Vollzeit arbeiten mit Kind auch unterwegs durchziehen zu können. Speziell wenn Stillen noch zum Alltag gehört. Heißt: Ein langer Spaziergang für meine Männer während der Vormittags-Sessions der Konferenz. Dann folgt ein kurzer Besuch fürs Stillen.  Weiter mit dem eigenen Panel, währenddessen Stefan und Kaspar etwas fürs Frühstück am nächsten Morgen besorgt haben. Dann wieder Stillen. Beim Konferenz-Dinner am Abend, dem meist etwas steifen „Klassiker“, der in der Regel erst nach dem ein oder anderen Vino etwas lockerer wird, waren Stefan und Kaspar dann dabei. Einfacher in diesem Fall, denn Letztgenannter hat alles brav im Kinderwagen verschlafen.

Vorteile Modell 1

Ich fühle mich wirklich entlastet und kann frei auf die Konferenz gehen. Ich weiß das Zwergenkind in den besten Händen. Außerdem sehr schön für mich: Stefan bekommt einen Einblick in diesen Teil meiner Arbeit. Er kennt außerdem einige „Nasen“ aus dem wissenschaftlichen Fachklüngel noch von unserem gemeinsamen Journalistik-Studium. Und ich kann ihn live und hautnah an meinen Emotionen, dem Verlauf und dem Feedback zu meiner Präsentation teilhaben lassen.

Nachteile Modell 1

Wenn auch nur ein Vortrag mal etwas langweilig ist, kommt sofort der Wunsch, lieber bei meinen Männern zu sein. Dann spare ich mir schneller und leichter mal ein Panel als es der Konferenz-Besuch eigentlich intendiert. Es fühlt sich irgendwie nicht ganz Fisch und nicht Fleisch an. Keine volle Konferenz, aber auch kein voller Familienurlaub. Außerdem ist dieses Modell natürlich teuer. Also eher geeignet für „nahe“ Konferenzen, die mit Zug oder WederVan gut zu erreichen sind.

Modell 2: „Allein mit Zwerg“

2011, Boston, MA. Diesmal haben Stefan und Kaspar sich ein paar schöne Männertage zu Hause gemacht. Julius und ich sind zu zweit mal kurz in die USA geflogen. Nach Singapur meine zweite Jahrestagung der internationalen Gesellschaft für Kommunikationswissenschaften, ICA. Der Zwerg war da gerade mal 8 Monate alt und ein richtig guter „Travelbuddy“.

Mit einem kleinen Zimmer im Konferenzhotel hatte ich nur kurze Wege mit dem Buggy zu den Konferenzräumen. Julius selber hat die Inputs in den Panels still über sich ergehen lassen. Ansonsten schlief er im Kinderwagen. Oder ich habe ihn gestillt. Alles auf einer Konferenz im angloamerikanischen Raum wie gesagt überhaupt kein Thema.

Dort war ich auch wahrlich nicht die einzige, die das Modell „Vollzeit arbeiten mit Kind“ wie ich lebte. Viele brachten ihren „Mini-Anhang“ auf der Konferenz mit. Vorteil für mich dabei: Ich habe dadurch immer wen gefunden, der bei meinem eigenen Auftritt den jeweiligen Zwerg herum schiebt oder mit ihm vor dem Veranstaltungsort ein bisschen quatscht und spielt. Und nur um das Bild zurechtzurücken: Das kommt und kam schon auch auf anderen Vorträgen in Deutschland und Österreich in diesen Jahren vor. Nur war das dann zumeist eine Besonderheit, während es in Übersee Normalität zu sein scheint.

Vorteile Modell 2

Es findet sich immer wer, der auf das Baby aufpasst. Entweder aus den eigenen Kollegenreihen, vom Organisationsteam oder sogar ein offizieller Nanny-Service, wie er in diesem Jahr auf der ICA 2017 angeboten wird. Je kleiner die Kids, um so besser erscheint mir diese Variante. Denn um so eher lauschen sie tatsächlich im Plenum den Vorträgen in aller Ruhe. Dann wollen sie (noch) nicht aufs Podium krabbeln, wie das Emil in Bled 2015 praktizierte.

Nachteile Modell 2

Ich bin natürlich schon ein bisschen abgelenkt. Das Baby gibt den Rhythmus vor. Abendliche Treffen finden nur in „leisen“ Lokalen statt. Der größte Nachteil: Auf Konferenzen in Europa, insbesondere im deutschsprachigen Raum, werde ich oft nur in der Rolle der Mutter wahrgenommen. Fachliche Gespräche sind nur schwer möglich, da das Gegenüber sich gedanklich meist nicht vom kleinen Mitreisenden lösen kann. Nicht und niemals böse gemeint, aber die eigene fachliche Expertise rückt dabei deutlich in den Hintergrund. Im amerikanischen bzw. ozeanischen Kontext hingegen gibt es ein kurzes Hallo für das Baby, und dann entsteht ein normales, auf die Konferenz bzw. auf den Fachkontext bezogenes Gespräch.  Vollzeit arbeiten mit Kind auf einer Konferenz in Bled

Titelbild: Elke Holzmann, Salzburg 

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