dreizehn − zwölf =

drei × drei =

Und da ist sie, die Nachhaltigkeitsfalle. Sie ist wieder zugeschnappt – und ich mittendrin. Freiwillig und unfreiwillig gleichzeitig. Dabei war die Ausgangssituation, die mich in die Falle „gelockt“ hatte, eigentlich ja sehr fein: Für 2018 wurde ich für drei Vorträge zum Thema Nachhaltigkeit und Kommunikation, insbesondere zu meinem Wasserprojekt, auf einer internationalen Konferenz akzeptiert. Genau mein wissenschaftliches Steckenpferd. Eigentlich toll. Ein echter Erfolg für mich als Frau Professor. Alles wäre perfekt. Wenn, ja wenn da nicht dieser eine wunde Punkt zum Thema „nachhaltig reisen“ wäre: Die Konferenz findet in Dunedin, Neuseeland statt. Das Dilemma: Soll ich ans andere Ende der Welt fliegen, um dort über Nachhaltigkeit zu referieren?

27 Bäume für einen Flug

Auf den ersten Blick scheint es eindeutig: Nachhaltig reisen nach Neuseeland geht gar nicht. Nie und nimmer. Ein launiger CO2-Ausstoß-Rechner gibt Auskunft. Für die 35.000 Kilometer Flug in die Kiwi-Hauptstadt Auckland müsste ich, um CO2-technisch im Reinen zu sein, mal locker flockig 27 Bäume pflanzen. Ein Flug auf die andere Seite der Weltkugel verbraucht mehr als doppelt so viel CO2, als wir in einem Jahr mit unserem WederVan auf unser Kostenkonto aufladen, sagt der Rechner. So stellt sich also tatsächlich die Frage, ob man für einen teils 10-minütigen Input und ein paar launige Thesen auf adretten Powerpoint-Folien einen CO2-Minus-Fußabdruck hinlegen soll, der sich gewaschen hat. Ganz das Gegenteil von nachhaltig reisen.nachhaltig reisen: mit dem Flugzeug möglich?

Blöd nur, wenn es gerade der Job selbst ist, der im Prinzip solche Konferenzauftritte inklusive der dazugehörigen Reise verlangt. Heißt: In der Wissenschaft sind wir aufgefordert, uns nicht im heimischen Elfenbeinturm zu verstecken, sondern unsere Forschung, unsere Universität und nicht zuletzt uns selbst zu präsentieren. Nicht nur durch Publikationen in internationalen Zeitschriften, sondern eben auch durch Vorträge in der ganzen Welt. Am Besten mehrmals pro Jahr. Das fällt bei uns unter die Schlagworte „Internationalisierung“ und „Disseminationsstrategie„. Und steht in den universitären Leistungsvereinbarungen. Vereinbarungen also, die schlicht und ergreifend einfach zu erfüllen sind.

Nachhaltig reisen: Auf der Suche nach Alternativen

An Konferenzen per se führt also für mich kein Weg vorbei. Doch was tun gegen das Nachhaltigkeitsdilemma? Was ist die Alternative? Gibt es eine? Also beginnt das wilde Argumentieren in meinem Kopf. Und mein Herz ist dabei natürlich nicht ganz unbeteiligt.

Eine Alternative, die der Kopf vorschlägt, wäre eine Präsentation via Skype oder anderen Video-Konferenz-Programmen. Zu Hause sitzen und in einen Hotel-Hilton-Besprechungsraum projiziert werden? Machbar sicherlich, doch nicht das gleiche wie vor Ort zu sein. Dies trifft sich nicht mit meinem Verständnis einer Konferenz, das deutlich über die Präsentation meiner Forschungsergebnisse hinausgeht. Networking, so das Stichwort. Hier treffe ich Kolleginnen und Kollegen aus der ganzen Welt (wieder), hier mache ich wunderbare neue Kontakte.

So beispielsweise habe ich auf einer Konferenz in Boston durch Gespräche und Austausch vor Ort unser Auslands-Jahr in Neuseeland „aufgerissen“. Von den zahlreichen Forschungskooperationen, die auf Konferenzen ihren Anfang nahmen, noch gar nicht gesprochen. Hinzu kommt: Auf Konferenzen fühle ich mich wohl. Je internationaler, je besser. Auf Konferenzen bin ich ganz in meinem Element. Als Forscherin und ganz generell als Franzisca.

Franzisca Weder auf Konferenz am Podium

(c) Iris Gundacker

Auch das Herz kämpft

Ebenfalls in der Waagschale der Argumentation liegt Neuseeland selbst. Muss das gerade eine Konferenz am aus unserer mitteleuropäischen Perspektive letzten Zipfel der Welt sein? Tun es nicht auch nähere Konferenzen in näheren Orten? Ab hier wird es schwer für mich – und mein Herz mischt sich in die Argumentationskette ein. Neuseeland wiegt ganz wundervoll schwer, ist es doch mein Sehnsuchtsland #1. Es fühlt sich nah an. Dort und in dem einen Jahr an der Universität in Hamilton habe ich nicht nur viel für mich gelernt, sondern auch Freundinnen und Freunde gefunden.

Das gleiche Herz aber sagt mir auch, dass es sinnvoll ist, schonend mit unserer Umwelt, mit unseren Ressourcen umzugehen. In der anderen Waagschale liegen damit die täglichen Debatten darüber, warum wir kein Nutella mehr kaufen und die Tomaten, Zucchini und Bananen immer lose in unseren Einkaufstaschen herumpurzeln. Und darüber, warum wir auch bei Regen – dick eingepackt versteht sich – den Van so oft es geht stehen lassen und mit dem Rad in den Kindergarten fahren.

Und noch schwerer wiegt das Herz, wenn ich daran denke, diese Konferenzreise allein zu machen. Wirklich ganz allein. Nach der Kalifornien-Tour von Xaver und mir hatten wir uns doch eigentlich geschworen, solche Trips nur noch alle zusammen – alle 6inaBoat oder eben 6inaPlane – zu machen.

Und nun, Frau Weder?

Und nun? Ja, wenn ich das wüsste.

Wenn ich nicht fahre, würde das meinen inneren Nachhaltigkeits-Schweinehund ziemlich befriedigen. Eine solche Entscheidung hätte für mich aber auch weitreichende Konsequenzen. Es bedeutet, dass ich generell in Zukunft Konferenzentscheidungen darauf aufbauend konsistenter angehen müsste. Heißt: Übersee-Tagungen scheiden fast schon per se aus. Zu anderen, leichter erreichbaren Konferenzen fahre ich dann mit der Bahn oder dem Bus. Während letzteres nicht so das Thema wäre, auch wenn es eine längere Anreise und somit eine längere Zeit weg von den Jungs zu Hause bedeutet, kann ich es mir derzeit schwer vorstellen, selbst geistige als auch regionale Fesseln anzulegen. Aber anders könnte ich wohl nicht garantieren, konsistent im Handeln bzw. auch konsequent im Durchziehen einer solchen Entscheidung zu sein.

Wenn ich mir etwas wünschen dürfte, wäre wohl meine Herzenslösung, dass sich noch ein anderer Grund auftäte. Einer, der es ermöglicht, dass wir alle fahren – und zwar für 6 Wochen oder so. Das würde auch ein mehr oder weniger rationales Argument in Sachen „nachhaltig reisen“ untermauern: Reisedauer und Entfernung zum Ziel sollten in einem vertretbaren Verhältnis stehen. Die Faustregel: Flüge unter 700 km vermeiden, ab 700 km mindestens 8 Tage und ab 2.000 km mindestens 15 Tage Aufenthalt einplanen.

Aber das Leben ist halt nicht immer ein Wunschkonzert. Ein nachhaltiges schon gleich gar nicht. Nur eines ist derzeit klar: Die Uhr tickt. Die Konferenz rückt näher. Irgendwann muss eine Entscheidung her. Und sie wird nicht leichter. Fliegen oder nicht fliegen? Ich kämpfe mit mir. In der Nachhaltigkeitsfalle.

Konferenzdilemma: Franzisca von 6inavan eingeladen für Vorträge zum Thema Nachhaltigkeit - in Neuseeland. Geht das zusammen? Ist es möglich, nachhaltig ans andere Ende der Welt zu Reisen? Gedanken zu einer schweren Entscheidung.

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