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Wer Sarajevo erleben will, der sollte zuvor definitiv die Geschichtsbücher aufschlagen. Viel, fast schon zu viel ist hier passiert. Der Krieg steht im Vordergrund dieser Multikulti-Stadt. Diese trägt in den Straßen noch sichtbare Narben. Dazu Denkmäler, Museen und Ausstellungen überall. Knapp mehr als 20 Jahre sind vergangen. 20 Jahre geprägt durch die Überwindung von Traumata und die Hoffnung, dass so etwas nie mehr passiert. Die Stadt jedenfalls fühlt sich an, als läge hinter der triebsamen Alltagsmaske ein verzerrtes Gesicht. Business as usual, und doch irgendwie überschattet. Sarajevo im WederCheck.

Sarajevo erleben bei einer Wanderung entlang des Flusses

Auf dem „Spanferkel-Highway“ nach Sarajevo

Bevor sich für uns die Stadttore Sarajevos öffneten, hieß es erst einmal dort hinkommen. Die Fahrt von Mostar war dabei ein Fest für die Sinne. Die Augen werden durch die Fahrt an kleinen Flußtälern und dem Jablanicko See mit fantastischer Szenerie umschmeichelt. Die Nase durch den Geruch, der in das Auto zieht. Ein Duft nach gebratenem Fleisch, nach Kohle und Grill. In den „Roštiljnica“ am Straßenrand drehen sich genüsslich Schweine um die Wette am Spieß. Die Grillrestaurants säumen förmlich die Straße, von uns deshalb liebevoll „Spanferkel-Highway“ getauft. Kein Wunder, gehört die Route Mostar-Sarajevo wohl zu den bedeutendsten, touristischsten Verbindungen im gesamten Land.

Auf dem Weg nach SarajevoAuf dem Spanferkelhighway nach Sarajevo

Krieg – Thema für Kinder?

Sarajevo selbst hingegen riecht anders. Nach Krieg. Nach Erinnerungen an schreckliche Zeiten. Ein latent ungutes, beklemmendes Gefühl legt sich wie ein unsichtbarer Nebel über die Stadt. Und über mich. Die Frage kommt hoch: Wenn es mir schon so geht, wie fühlen sich wohl die Einheimischen? Im Vorfeld hatten Franzisca und ich lange diskutiert: Wie gehen wir mit Sarajevo und der Kriegsthematik um? Wollen wir unsere Jungs mit Details, mit Bildern, mit Geschichten zu dieser Zeit konfrontieren? Geht das? Was macht das mit ihnen?

Schnell war uns klar: Geschichte und Geschichten, direkt hinein, und so viel wie möglich. Krieg ist Teil dieser Stadt. Ein Teil unseres (medial geprägten) Lebens. Und eben Teil unserer Realität. Gestern und auch heute. „Krasse Bilder“ wollten wir vermeiden. Ich nehme es vorweg: Gelingt in Sarajevo definitiv nicht immer, Stichwort überdimensionale Museumsplakate. Die Entscheidung aber hieß für uns: Das bilderreiche Srebrenica-Museum lassen wir aus, das War Childhood Museum sowie das Tunnel-Museum steuern wir hingegen an.

Sarajevo erleben: Der Krieg ist überall

Dass das wohl eine gute Entscheidung gewesen sein könnte, war uns rasch klar auf den ersten Citystapfing-Metern durch die Stadt. Zu allgegenwärtig ist der Krieg. Sarajevo erleben geht nicht ohne Bezug dazu. Besonders die Belagerung der Stadt. Insgesamt 1.425 Tage war Sarajevo von der Armee der bosnischen Serben in den Jahren 1992 bis 1995 umzingelt und eingekesselt. Aus den umliegenden Hügeln wurde geschossen. Für die Bewohner der Stadt ein jahrelanges Leben in ständiger Gefahr. Die grausame Bilanz: 11.000 Menschen starben, darunter 1.600 Kinder.

Die Allgegenwart dieser Zahlen manifestiert sich in Sarajevo besonders durch die wirklich zahlreichen Museen und Denkmäler zu diesem Thema. Von den immer noch sichtbaren Einschusslöchern in Gebäuden gar nicht zu sprechen. Überall Konfrontationen mit den Überbleibsel und Erinnerungsstücken an schlimme Zeiten. Eines von vielen Beispielen: das Denkmal für die während der Belagerung verstorbenen Kinder im Veliki Park.

Dort haben wir einige Zeit verbracht. Erzählend, erklärend, einordnend. So sind hier die Namen aller Kinder auf rotierenden Säulen eingraviert. Kinder mit den selben Geburtsdaten wie Franzisca. Wie ich. Kinder, die in genau dem Alter sterben mussten, in dem unsere Jungs jetzt sind. Sie stehen neben mir. Von den Kindern, die dort eingraviert sind, leben nur mehr die Namen fort. Das geht unter die Haut. Und erzeugt in mir Dankbarkeit. Für das, was wir haben. Und das, was wir gemeinsam erleben dürfen.

Sarajevo erleben am Denkmal verstorbener KinderSarajevo erleben am Kriegsdenkmal

Wenn der Krieg greifbar wird

Einen anschaulichen Einblick in das, was es bedeuten kann, im Krieg zu leben, erhielten wir in den beiden Museen, die wir ansteuerten: Das erst Anfang 2017 neu eröffnete War Childhood Museum sowie das Tunnel-Museum. Beiden lassen Sarajevo erleben, Kriegsalltag erleben. Spielplätze der Imagination, Plätze für Geschichten über Geschichte. Beim War Childhood Museum in Form von Geschichten von Überlebenden. Erzählt anhand von Alltagsgegenständen, die in Kriegszeiten für die einzelne Person zum Symbol der Zeit wurde. Beim Tunnel-Museum über die geheimen, unterirdischen Versorgungswege während der Belagerung. Beides relativ klein, beides hervorragend aufgemacht. Absolut empfehlenswert. Auch und besonders für Kinder.

Unsere Jungs jedenfalls waren sichtlich beeindruckt. Speziell die beiden Großen. Beeindruckt im Positiven? Ich glaube schon. Die Fragen zum „Wie war das damals?“ hörten kaum auf. Die Lust und der eigene Drang der beiden, mehr zu erfahren, stärken in mir die Überzeugung, dass unsere Entscheidung, um das Thema Krieg keinen Bogen zu machen, gut war. Trotz aller Zweifel, die immer noch bleiben.

War Childhood Museum Sarajevo Eingang

Österreich-Kriegs-Flashback-Special: Auch mit direktem Österreich-Bezug gibt es Kriegsgeschichte in Sarajevo. Das „Pulverfass Balkan“, entzündet von Separatisten gegen die Österreichisch-Ungarische Monarchie. Durch ein Attentat auf Erzherzog Franz Ferdinand nahm die Geschichte ihren Lauf. Und mündete in den Ersten Weltkrieg. Dort, wo der kaiserliche Thronfolger 1914 erschossen wurde, findet sich heute – na was wohl – ein Museum dazu. Davor eine Replik des Wagens, in dem Franz Ferdinand gefahren wurde. Das Original inklusive Einschussloch sowie weitere Devotionalien weilen unterdessen im Heeresgeschichtlichen Museum in Wien.Sarajevo erleben beim Museum von Kronprinz Rudolf

Sarajevo – Multikulti-Stadt und City-Playground

Krieg, und sonst? Einen heillosen Positivisten oder extremen Sportenthusiasten nenne ich, wem zuerst die Olympischen Spiele 1984 einfallen, wenn der Name der Hauptstadt Bosnien-Herzegowinas genannt wird. Sarajevo selbst besticht ansonsten mit ganz viel Kultur. Und ganz vielen Kulturen auf engstem Raum. Praktisch jede Religion hat hier ihren Platz. Minarette ragen neben Kirchtürmen in den Himmel. Moscheen, Kirchen und Synagogen sind Nachbarn.Sarajevo multikulturell in der InnenstadtSarajevo erleben auf Grünflächen vor Moschee

In der Innenstadt ein buntes Treiben. Kleine, osmanisch angehauchte Gässchen gehen über in weitläufige Fußgängerzonen mit Shoppingtempeln bekannter Weltmarken. Dort rennen „beschlipste“ Anzugträger hektisch an Dir vorbei, während eine Ecke weiter sich ältere Herrschaften gemächlich einem Schachspiel in der Sommersonne hingeben. Alltag in Sarajevo erleben. Dazwischen grüne Fleckchen, Parks, Cafés und Restaurants. Eine Mischung, die mir sehr gefällt. Vielfältig und spannend. Relaxt und trubelig. Großstädtisch und doch irgendwie Dorf. Einladend und weltoffen. Touristisch und doch irgendwie echt. Und ein wunderbarer City-Spielplatz, an dem die Kinder dank Fußgängerzonen, Parks und Spielplätzen bedenkenlos rennen und Kinder sein können. Fern von Gedanken an den Krieg.

Sarajevo erleben in multikultureller InnenstadtSarajevo erleben beim Schachspiel in der InnenstadtSarajevo erleben auf dem Spielplatz

Unsere Route, #CEEtour17, Etappe 14:

Sarajevo mit Kindern. Eine Stadt, in der Krieg greifbar wird. In Form von Museen. Aber auch in Form von Einschusslöchern in Häusern. Ein Erlebnisbericht aus der Hauptstadt Bosniens.

Sarajevo im WederCheck
pulsierend und abwechslungsreichgroßstädtischkinderfreundlich
Krieg allgegenwärtig
7.5gesamt
Sehenswürdigkeiten8
Kinderfreundlichkeit8
Infrastruktur6.5
Versorgung8
Kosten7.2
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