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Sie nannten es das „Dorf des Friedens“. Der Platz, an dem sich 3.600 Sportler aus aller Welt während der Olympischen Spiele 1936 aufhielten, trainierten für den großen Auftritt. Doch Frieden herrschte nur nach außen. Der schöne Begriff war nichts mehr als eine sprachliche Camouflage. Verschleierung. Und Propaganda. Für Hitler. Wie auch die Spiele selbst. Olympisches Dorf Berlin – Aufrüstung unter dem Deckmantel des Sports. Und heute unter dem Gesichtspunkt historischer Ereignisse ein bemerkenswertes Stück Geschichte mit einem schrägen, skurrilen Charme.Speisesaal der Nationen im Olympischen Dorf Berlin

Die Fratze der Geschichte und die Strahlkraft von Olympia

Sie lacht einen förmlich an. Unerkannt. Und doch allgegenwärtig. Die böse Fratze der Geschichte. Hinter jedem Baum, hinter jedem Grashalm, hinter jedem Stein. Was aussieht wie ein vernachlässigtes Stück Land mit verfallenen Barracken, wild wachsenden Bäumen, Büschen und Gräsern sowie einem Fußballplatz mit verrosteten Toren, erscheint unheimlich im Licht des Zweiten Weltkriegs, der Massenmorde und Greueltaten. Ein komisches Gefühl.

Dabei wäre es beinahe gar nicht soweit gekommen. Olympische Spiele in Berlin? Wollte Hitler eigentlich nicht. Der Zuschlag für Berlin als Austragungsort wurde vor der „Machtergreifung“ 1933 erteilt. Dann Rassengesetze 1935. Und nun sollten sich Menschen unterschiedlicher Völker und Farben in Berlin tummeln? Das passte nicht in die NS-Welt. Die weltweite Strahlkraft der Olympischen Spiele aber überzeugten Hitler letztlich. Sie sollten Hitler-Spiele werden. Von diesem Moment an lief seine Medienmaschinerie. Hitler weltoffen, Hitler völkerverbindend. So der Plan. Er ging auf. Die Proteste verstummten weitgehend, die Spiele kamen nach Berlin.

Olympisches Dorf Berlin: Gefangen in der Geschichte

Das Olympische Dorf, das zu den Spielen 1936 hier stand, war also kaum etwas anderes als die prunkvolle Kulisse einer großen Propaganda-Maschinerie. Groß, glänzend, aufgemascherlt. Heute liegt es brach. Nach Jahren in Militärhand – zuerst die der Wehrmacht, dann die der sowjetischen Armee – kaum mehr genutzt.Sportplatz im Olympischen Dorf BerlinNur hier und da marschiert eine Touristengruppe hindurch, hier und da spielt der örtliche Fußballverein auf dem ramponierten Rasen des alten Leichtathletik-Areals. Ein Ort, irgendwie ungewollt, ungeliebt. Als ob niemand wüsste, wie man mit diesem geschichtlich-heiklen Grund und Boden wirklich umgehen sollte. 54 Hektar, gefangen in der Geschichte.

Die DKB-Stiftung, Eigentümer des Olympischen Dorfes scheint nur kleine Schritte zu gehen. Oder gehen zu können. Schwer wiegen das historische Erbe und der Denkmalschutz, der seit 1993 gilt. Aber doch scheint Bewegung hineinzukommen. Das ikonische „Speisehaus der Nationen“, früher Mittelpunkt der Anlage und architektonisch besonders in die Landschaft gesetzt, wurde an eine Immobilienentwicklungsgesellschaft verkauft. Wohnungen sollen darin entstehen, gleichzeitig der Charakter des Hauses erhalten bleiben. Nachteil für mich: Es war leider nicht mehr zu besichtigen.

Technologisch am neuesten Stand

Was aber zu besichtigen war, waren die alten Sport- und Schwimmstätten. Auch hier nagt heute der Zahn der Zeit. Unübersehbar. Doch hinter den vielen Rissen und der abblätternden Farbe verbirgt sich so allerhand Technik, die in der damaligen Zeit seinesgleichen suchte. Im Großen in der Architektur und der Stahl-Beton-Bauweise, innovativ und findig hingegen im Detail.

Beispiel Sporthalle. Hier gab es eine Fernwärmeheizung. Dazu eine bis zum Boden reichende Glasfront an den Seiten sowie Oberlichter mit Kipp-Mechanismus, um zu lüften. Und einzel anschaltbare und höhenverstellbare Sporthallenleuchten. Besonders praktisch für den einfachen Glühbirnentausch. Heute alles Standard, damals ein Novum. So erklärte es zumindest die äußerst fachkundige und exzellent informierte Begleitung der Gruppe, der ich mich mit meinem Freund glücklicherweise spontan anschließen konnte. Hitergrund: Das Olympische Dorf ist nicht mehr frei, sondern nur mehr mit Führung zugänglich. Sporthalle im Olympischen Dorf BerlinDecke in der Sporthalle im Olympischen Dorf BerlinIm Schwimmbad das Gleiche in Sachen „moderner Technik“: Einzel nach oben zu öffnende Glas-Tore, die einen direkten Durchgang zum Park ermöglichen. Oder Warmwasser-Badewannen. Oder ein Wasser-Wiederaufbereitungssystem. Wohlgemerkt: Wir reden hier von den Trainings-, nicht den Wettkampfstätten. Solche einen Luxus kannten die damaligen Olympioniken kaum bis gar nicht. Eine Laufbahn und Leichtathletik-Arena in der Größe der „normalen“ 400-Meter-Wettkampfbahn fußläufig im Sportlerdorf? Das hatte die Welt so noch nicht gesehen. Schwimmhalle im Olympischen Dorf BerlinFenster der Schwimmhalle im Olympischen Dorf Berlin

Jesses Spiele

Alles war hergerichtet für den großen Glanz, in dem sich Hitler sonnen wollte. Es lief wunderbar. Bis er kam. Jesse Owens. Der Superstar der Spiele. Vierfacher Goldmedaillen-Gewinner. Ein Musterathlet. Liebling der Massen. Und schwarz. Passte Hitler nicht. Doch viel tun konnte er aber auch nicht.

Olympisches Dorf Berlin ist Owens-Dorf. Ihm  ist dort eine eigene Ausstellung gewidmet. Im „Haus Meissen“. Dem Haus, in dem er als Sportler untergebracht war. Die Betten Nachbauten. Die Infotafeln und Bilder dazu museal auch nicht mehr wirklich zeitgemäß aufgemacht. Aber damit zumindest stimmig im Gesamtbild des Areals.

Ich fand es dennoch interessant, die Sport-Geschichte aus diesem, seinem Blickwinkel nachzuvollziehen. Und sein Leben. Er muss wohl als einer der ersten Sportler schon damals den Weg eingeschlagen haben, der heute fast schon Standard scheint: Die Medaillen vergolden. Mit öffentlichen Auftritten, mit bezahlten Motivationsvorträgen, mit Eigen-PR. Being Mark Spitz. Owens war das Vorbild.Jesse Owens beim StartJesse Owens Zimmer im Olympischen Dorf Berlin

Unterhaltung als Ablenkung

Während das Empfangsgebäude des Olympischen Dorfes, wo die Sportler nach der meist langen, strapaziösen Reise ankamen (nicht so komfortabel wie ich mit dem Flixbus), dem Erdboden gleich gemacht wurde, steht das Hindenburghaus noch immer. 1936 war es „Veranstaltungs- und Feierzentrum“ im Olympischen Dorf. Dass es noch steht, liegt vor allem daran, dass es die Sowjets als „Haus der Offiziere“ verwendeten. Obwohl heute ebenfalls stark renovierungsbedürftig, lässt sich immer noch erahnen, wie eindrucksvoll dieser Bau damals gewirkt haben muss.Hindenburghaus im Olympischen Dorf Berlin

Innen mischen sich simplizistischer Prunk und weitläufige Treppenaufgänge mit militärischer Martialität und Disziplin. „Möge die Wehrmacht ihren Weg immer kraftvoll und in Ehren gehen als Bürge einer starken deutschen Zukunft“ – das steht über dem Militär-Relief in der Ehrenhalle. Lebensgroß in Stein gehauen. Nicht zu übersehen. Und Provokation pur.Militärrelief im Hindenburghaus im Olympischen Dorf BerlinGleich hinter dem Relief das heimliche Highlight der Tour, das ehemalige Theater. Ein Mehrzwecksaal für 1.000 Menschen. Hier fanden während der Olympischen Spiele Vorführungen aller Art statt. Unterhaltung, Theater, Folklore, Konzerte. Und auch Kino war möglich. Leinwand eingehängt, über die ganze Bühnenbreite gezogen, wieder eingehängt, fertig. Zudem: Live-Übertragungen der Wettkämpfe aus dem rund 20 Kilometer entfernten Berliner Olympiastadion. Weltpremiere.Theater im Hindenburghaus im Olympischen Dorf Berlin

Olympisches Dorf Berlin: Gefühlspendel-Geschichte

Irgendwie war das Olympische Dorf skurril. Schräg und einzigartig. Eine kuriose Mischung. Irgendwie ein bisschen wie „abgefucktes Kommunen-Hippie-Besetzergrundstück meets Hardcore-Grausam-Geschichte meets Gehorsam-Heeresdrill meets weltbewegendes Sportereignis“. Und das Gefühlspendel in mir schlug wild aus. Mal in die eine, mal in die andere Richtung. Abhängig vom Standort. Vom Blickwinkel auf Gebäude und Landschaften. Faszinierend und abschreckend zu gleich. In unterschiedlichen, emotionalen Dimensionen.

Olympisches Dorf Berlin – das ist nichts, wo du nach der Tour glückselig im Hopserschritt aus der Tür hüpfst. Nichts, wo du nach der Tour dem Souvenir-Stand fragst. Aber auch nichts, wo du von den Bildern und Eindrücken im Kopf seelisch niedergestreckt wirst. Und gerade deshalb ist es einen Besuch wert.

Olympisches Dorf Berlin: Infos und mehr

Das alte Olympische Dorf Berlin, rund 20 Kilometer östlich im brandenburgischen Elstal gelegen und von der DKB-Stiftung unterhalten, ist seit letztem Jahr nur mehr mit vorangemeldeter Führung von April bis Oktober zu besichtigen. Die Führung dauert rund 2,5 Stunden und umfasst die Turn- sowie Schwimmhalle, das Jesse-Owens-Haus und das Hindenburghaus. Mehr Infos unter https://www.dkb-stiftung.de/event/fuehrungen-durch-das-olympische-dorf/

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Olympisches Dorf Berlin: 1936 waren hier 3.600 Sportler auf einem Fleck. Heute ist nur noch ein Stück Geschichte mit einem schrägen Charme übrig. 6inaVan auf den Spuren von Jesse Owens im Sportlerheim der Hitler-Spiele.

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