12 − sechs =

vier × vier =

Wir müssen lange zurückdenken. Wirklich lange. Zu der Zeit, in der wir getrennt gereist sind. Getrennt voneinander zu sein, ja, das passiert im Alltag öfters. Mal eine kurze Vortragsreise von Franzisca da, mal ein paar Tage Arbeitsaufenthalt in Wien für mich. Aber alleine verreisen? Reisen, so richtig mit Planung, Vorbereitung und dem ganzen Pipapo? Entsprechend war es ein komisches Gefühl für uns beide Anfang Juni. Franzisca mit Xaver in den USA, ich mit dem Rest der Gang auf Roadtrip nach Mainz. Im Geiste vor Ort, im Herzen doch beim jeweils anderen. Ein etwas anderer Artikel. Gedankenspiele und Gefühlspingpong, Kopfkinodialog unter Eltern, verfasst über mehrere Tage und Wochen.

Alleine verreisen, eine alte Erfahrung neu erlebt: Franzisca und Stefan von 6inaVan
STEFAN

Da sind sie also dahin. Franzisca und Xaver. Gerade durch die Sicherheitskontrolle am Flughafen Klagenfurt. Weg in Richtung USA. 10 Tage nun ohne Mama, ohne den Familienmittelpunkt für die Kinder. Und eine Mainz-Reise im Van mit Hunderten von Kilometern und drei jungen Stieren vor mir. Alleine verreisen mit den Jungs – wie wird das nur werden? Jetzt nur selbst nicht weinen, die drei Jungs sind traurig genug. Emil vor allem. Verständnis zeigen, motivieren, das WederJungs-Rest-Team zusammenschweißen. Chakka.

Eigentlich ist es ja auch nicht weltbewegend. Ist ja schließlich nicht das erste Mal, dass ich auf die Kinder aufpasse. Väter-Karenz mit Kaspar, dann dank Selbständigkeit viel Möglichkeiten, auch bei den anderen mitzuhelfen. Mal mehr, mal weniger. Zuletzt zu wenig. Habe ich dennoch Angst? Nein, es ist Respekt, würde ich sagen. Respekt vor der Situation. Respekt vor Reizsituationen, die entstehen werden. Und gleichzeitig herrscht in mir die Überzeugung, dass wir es schaffen. Genau. Wir machen es wie Bob, der Baumeister: Jo, wir schaffen das.

FRANZISCA

Alleine verreisen - Franzisca und Xaver am Flughafen

„Ich kann das nicht mehr“, so mein erster Gedanke, als ich am Flughafen ausgestiegen bin. Ich kann nicht mehr ohne den Rest der Bande und vor allem ohne Stefan wegfahren. Nicht für so lange. Auf in die USA, ein richtiges Abenteuer, mit langem Flug, Mietauto, Entdeckungstour und herrlichem amerikanischem Fastfood – und das alles ohne das gemeinsame Erleben mit Stefan? Fühlt sich irgendwie falsch an. Waren meine Konferenzreisen früher immer auch ein Zeitfenster „nur-für-mich“, fühlt sich die Reise in die USA diesmal eben irgendwie anders an. Jetzt ist da – bei aller Spannung und Vorfreude – vor allem ein Knirschen im Herzen und das Bewusstsein, dass ich dieses „unterwegs sein“ eigentlich viel lieber mit Stefan erlebe. Die kleine Knutschkugel auf meinem Schoss ist ein Trost für das Vermissen der Kids – weinen muss ich trotzdem, vor allem wegen dem Gefühl, in Bezug auf Stefan irgendwie nur „halb“ unterwegs zu sein.

STEFAN

Wow, ich bin echt überrascht. Das läuft ja wie am Schnürchen hier in Klagenfurt. Eine helfende Hand hier, eine helfende Hand da. Wenn ich beruflich kurz ein paar Mails aufarbeiten muss, Verständnis und gegenseitige Unterstützung. Packen für den Trip, ins Bett bringen gegenseitig. Wo ist das nur im Alltag? Da herrschen gefühlt die kleinen Sticheleien unter den Brüdern vor. Aber so. Genial. Ich liebe meine Jungs. Immer. Aber so in Harmonie noch viel mehr.

Was ich aber bei mir merke nach den ersten Tagen: Das ist wirklich anstrengend, so alleine. Insbesondere wenn dann die Arbeit nicht mehr untertags, sondern in der Nacht ruft, wenn die Kinder im Bett sind. Die ersten Tage ok, aber immer mehr Schlappheit und Müdigkeit schleicht sich ein. Und mit ihr die eigene Gereiztheit. Chillax, Stefan, sage ich dann zu mir. Kleine Dinge groß werden zu lassen, ist nicht das, was jetzt hilft. Und noch funktioniert es.

Franzisca ist wirklich weit weg. Die Flugroute haben wir noch live im Internet verfolgt. Doch je stärker der Alltag einlullt, desto geringer auch die Chance, sie zu vermissen. Oder an sie und Xaver zu denken. Trubel beats Erinnerung. Liegt aber auch an mir: Ich bin nicht der geborene Telefonierer. Dazu wohl auch ein wenig Eigenschutz. Während ich wenig zu erzählen habe, wird Franzisca wohl von 1.000en neuen Eindrücken und Erlebnissen überschwemmt. Ach, wie gerne wäre ich da dabei. Mainz vor der Nase ist spannend, und ich freu mich wirklich voll drauf. Aber Kalifornien, das ist doch eine andere Erlebnis-Liga.Alleine verreisen nur die 6inaVan Männer: eine neue Erfahrung für Julius und Stefan

FRANZISCA

Schon spannend, wie auch ein kleiner Nasenbär zu einem echten Reisebuddy werden kann. Läuft der „Vierte“ im Bunde zumeist so mit, sind wir schon im Flieger irgendwie voll auf einander eingetaktet. Alleine verreisen mit ihm ist nicht neu. Spannend hingegen, wie wenig man im Alltag die Dinge wahrnimmt, die gerade für Xaver wichtig sind. Zwei Stunden geht das Geschrei schon, und da, ein Geistesblitz: „Wo ist der Emil?“ hab ich ihm in sein Ohr geflüstert und angefangen so zu tun, als würden wir ihn suchen. Und Papa, und Kaspar und Julius … und tatsächlich, verweinte Kulleraugen schauen mich an, er hört auf zu weinen und ein Lächeln schleicht sich in sein Gesicht. Und ich? Völlig erschöpft und mindestens genauso müde fange an zu weinen, weil ich sie alle so unglaublich vermisse. Und dabei bin ich doch gerade erst losgeflogen…

Alleine verreisen - Franzisca und Xaver kennen das

Normalerweise ist ja Stefan derjenige, der alle Buchungsunterlagen und Google-Maps-Ausschnitte ausdruckt und dafür sorgt, dass alle Unterlagen und wichtigen Dinge beisammen sind. Ich plane natürlich auch, buche den Leihwagen und so, aber den Weg dorthin oder ein mögliches erstes Quartier, das hab ich mir nicht im Vorhinein überlegt. Denn grundsätzlich habe ich einfach das Vertrauen, dass das schon alles klappt und gut ist, wie es passiert. Und Amerika ist da ja mit seiner übersichtlichen Beschilderung, vereinfachten Abläufen, kurzen Wegen zwischen Ankunftshalle und Leihwagen-Shuttle, und vor allem unglaublich vielen hilfsbereiten Menschen sehr entgegenkommend. Ja und wie gut, dass es überall W-Lan gibt, um in Richtung Stefan schnell mal zwischendurch zumindest ein paar Mini-Emotionen oder Status-Quo Meldungen zu schicken.

Aber was machen die anderen? Wie geht es Ihnen? Eh super, das weiß ich, denn das läuft alles auch ohne mich und zwar ganz wunderbar. Doch wo sind sie gerade? Sind sie glücklich? Gibt es Streit? Was und wie fühlt (sich) Stefan gerade? Ich fühle mich ganz schrecklich weit weg von dem Ort, wo ich eigentlich hingehöre.

STEFAN

So, da sind wir also. Ich, fertig, gereizt, genervt. Der erste Abend am Campingplatz nach Hunderten von Kilometern, der erste Fight. Alleine verreisen als Horrortrip? Sollte mich das wundern? Eigentlich nicht. Dennoch bin ich traurig und verärgert. Über mich. Wäre das nicht anders zu lösen gewesen außer laut? Und wie wäre es wohl gewesen, wenn Franzisca da wäre. Ich vermisse sie. Aber ich weiß: Geht nicht. Zeitverschiebung und so. Keine Chance. Dabei bräuchte ich jetzt gerade ein offenes Ohr und ihre beruhigenden Worte.

Und dann natürlich die ganzen Familiengeschichten auf der Feier. Muss ja nicht immer Emotionales sein. Die Neuigkeiten, der Tratsch, die Begegnungen, die Momente mit den Jungs. Je länger der Roadtrip dauert, desto mehr summiert es sich. Das, was ich alles erzählen will. Und plötzlich habe ich statt „ach, eh nix Wichtiges“ vor noch ein paar Tagen das Gefühl, dass ich viel zu viel zu erzählen vergessen werde, wenn ich Franzisca wiedersehe. Besser mal ganz viele Fotos machen. Damit bleibt die Erinnerung frisch, bleiben die Anekdoten lebendig. Und die Frage kommt in mir auf: Wenn sich alleine verreisen so blöd anfühlt, warum machen wir es dann? Oder haben wir es nur „verlernt“? Und gab es wirklich keine andere Lösung?

FRANZISCA

Diese Unmenge an Eindrücken eines „Mini-Roadtrips“ niemandem mitzuteilen, macht mich wahnsinnig. Alleine verreisen sucks. Ich, die Kommunikations-Biene würde am liebsten immer wieder einfach zum Telefon greifen und Stefan anrufen. Ihm alles zeigen. Ihm sagen, dass ich hier mit ihm hin will. Dass wir auf jedenfalls diese alberne Route66 entlang brausen werden – zu zweit. Und dass wir unbedingt mit den Kids die Panamericana machen müssen und … überhaupt …

USA Route66 Schild

Meine Gefühle gehen mit mir durch. Doch nicht nur bei den Naturspektakeln in der Wüste hinter Los Angeles als vielmehr bei den Kleinigkeiten. Der Kneipe, in der wir frühstücken. Dem alternden „Cowgirl“ am Tresen. Den laaaaaaaangen Regalen mit Crackern und abgefahrenen Dips im Supermarkt. Das alles kann ich nicht gleich in WhatsApp packen – das müssen wir uns doch gemeinsam anschauen und dann grinsen.

Klar, es ist auch mal ganz nett, die alleinige Oberbestimmerin zu sein. Mir ein kleines Kaffee-Depot im Auto anzulegen, ohne das mich jemand veräppelt. Mal kleine Regeln wie auf einem Supermarkt-Parkplatz nur in eine Richtung zu fahren zu brechen, ohne den strengen Blick von der Seite. Einfach mit Xaver um halb acht einzuschlafen und mich seinem Schlafrhythmus anzupassen. Und doch, es ist so leer und leise um mich herum. Ich will diese Erlebnisse teilen. Fest steht für mich: Konferenzreise allein ja, aber nur hin und zurück. Komplett alleine verreisen mit Urlaub und so nein. Die echte Reisenummer mit Erfahren, Erleben und Eintauchen in die Kultur geht nur mit Stefan und dem Rest der Gang!

STEFAN

Jetzt ist die Zeit in Mainz & Co. schon wieder vorbei. Viel zu schnell sind sie dann doch wieder vergangen. Der Abschied ein wenig überstürzt. Aber es liegen halt noch ein paar Kilometer vor uns. Wieder alleine verreisen. Wieder traurig für die Kinder. An Franzisca ganz viele Grüße von allen. Klar. Umso mehr muss ich wieder an sie denken. Wissend, dass ich jetzt nach Hause fahre, aber doch niemand wartet. Noch zwei Tage mehr, bis der Flieger aus den USA wieder in Klagenfurt landet.

Und jetzt auch noch so etwas. Mein Ellenbogen gibt den Geist auf, schwillt an, wird heiß. Mitten zwischen Würzburg und Nürnberg. Auf der Autobahn. Ohne Vorwarnung. Zu viel falsch abgestützt. Bin ich nicht mehr Roadtrip kompatibel? Jetzt bloß nicht zu viel jammern, keine Schwäche zeigen. Müde von der Feier bin ich schon, nun noch das dazu. Das kann ja heiter werden. Und noch so viele Kilometer vor mir. Ich hoffe auf Verständnis. Und tatsächlich. Die traurige Abschiedsstimmung ist in Durchhalteparolen umgeschwenkt. Da war er wieder, Bob der Baumeister.

Ich bin daheim. Die Schleimbeutelentzündung ist veritabel. Die letzten Kilometer habe ich durchgepeitscht. Hatte kaum eine andere Wahl. Sonst hätte Franzisca fahren können. Aber so. Ich bin streichfähig. Nur noch die Kinder ins Bett und selbst einschlafen. Ich fiebere. Auch nach Franzisca. Und ich schwöre mir: So nicht mehr. Wie oft habe ich das jedoch schon gesagt. Ob wir diesmal klüger werden?

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