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Speziell in Mostar und Sarajevo war er für uns allgegenwärtig: der Krieg. Auch wenn die Jugoslawien-Krise schon über 20 Jahre her ist, sind die Narben gerade in den bosnischen Städten noch heute zu sehen, zu spüren, zu fühlen. Wir könnten einen Bogen herum machen. Stadt oder Thema über- und umgehen. Aber nein: Wir erkunden diese mit unseren vier Kindern. Mit allem, was dazugehört. Und so eben auch der Krieg. Doch eine Frage drängt sich auf: Krieg und Kinder – wo ist die Grenze von dem, was wir unseren Jungs an Bildern und Geschichten zumuten? Kinder und Medien – was geht, was geht nicht? Viele Fragen, und meine Gedanken dazu.

Graffiti am Haus an der Brücke von Mostar

Kinder und Medien: Bewusster Umgang statt Verbot

Ein Schul-Elternabend der vierten Klasse unseres „Großen“ im heimischen Klagenfurt zum Thema Medien war für mich sehr ernüchternd. Ich hätte wirklich nicht damit gerechnet, dass eine Vielzahl von Eltern dezidiert versuchen ihre Kinder zu schützen. Vor Nachrichten, vor Medien, vor der Realität? Oder nur vor meiner Realität? Bin ich durch meine Lehre und Forschung an der Universität im „Dunstkreis“ Kommunikation, Medien und Nachhaltigkeit so in meiner eigenen Wahrnehmung gefangen, dass ich selbst in meiner „Medien-Bubble“ lebe?

Viele jedenfalls, so eines der Beispiele, schalten im Auto bewusst das Radio ab, wenn die Nachrichten kommen. Das Argument: Die Kinder sollen nicht wissen, was da beispielsweise in Syrien, was da in der Welt alles Schreckliches passiert.

Ich sehe das anders, gehe anders an das Thema heran. Allein schon aufgrund der Medien selbst. Nein, anders formuliert: Aufgrund der Mediatisierung unseres Alltags, wie es in meinem Fach an der Uni so schön heißt. Dass insbesondere die digitalen Medien sich in alle Handlungsprozesse unseres Lebens eingeschlichen haben, ist keine Neuigkeit. Der Umgang damit aber ist das große Fragezeichen. Meine Devise: Bewusstes Lernen von Medienrezeption statt Vermeidung oder gar Verbot.

News konsumieren – und darüber reden

Beispiel Tageszeitung, Beispiel Kinder und Medien. Unsere beiden großen Jungs streiten sich morgens am Frühstückstisch darum, wer die „Kleine Zeitung„, die wir abonniert haben, als erstes lesen darf. Und auch wenn der Sportteil bei unseren Fußball-Fanatikern im Mittelpunkt steht, blättern sie doch auch den Rest durch. So bekommen sie mit, was um uns, was in der Welt, was in Klagenfurt passiert. Nein, wir schwärzen nicht schlimme Headlines. Und nein, wir schneiden nicht die Bilder von blutenden Kindern im Schutt in Syrien heraus. Wir lassen sie News-Realität erleben. Sind wir verantwortungslos?

Ich glaube nicht. Denn Kinder fragen. Zumindest unsere tun das. Zu Schlagzeilen, zu Bildern. Klar, ich weiß nicht, was ich genau ihnen zumuten kann. Oder was in ihnen genau vorgeht. Aber mit dem Lesen der Tageszeitung, mit ihren Fragen einher geht bei uns die Erklärung, wie die Medien ticken. Was die Realität der Medien ist. Die Begrenzung von Raum, Bild und Zeit des Gezeigten, Gedruckten, Gefilmten. Nicht immer. Aber immer einmal wieder.

Wir erzählen ihnen, warum diese eher die blutigen Bilder zeigen und was hinter reißerischen Headlines steckt. Ich hoffe, dass unsere Jungs von Anfang an mit der Wort- und Bilderflut umgehen lernen und reflektiert damit umgehen können. Kann ich sicher sein? Nein. Aber ich bin überzeugt, dass Kinder, dass unsere Kinder das verarbeiten und einordnen können.

Eigene Meinung bilden

Medien sind Teil unseres Alltags. Sie erklären Zusammenhänge. Und sie beantworten Fragen, die ihre Grundlage im Leben haben. In unserem Leben. In meinem Leben. Auch hier kommen Fragen von den Jungs. Warum werden wir an der Grenze von Slowenien nach Österreich angehalten? Was soll die Frage des Grenzbeamten, ob die Kinder hinten im Van auch wirklich alle zu uns gehören? Weil es ein Van ist – und weil Stefan einen Bart hat?Stefan am Steuer des WederVansKeine Frage, wenn so etwas wie zuletzt nach der #CEEtour17 passiert, führt dies nicht nur zu komischen Gefühlen bei uns, sondern sorgt auch für Diskussionen. Auch hier: Wir reden darüber. Erklären, warum Vorurteile entstehen. Warum die Kontrollen gemacht werden, und nach wem sie wirklich suchen. Wir erklären die Flüchtlingsthematik, die die Kinder zuvor schon in den Medien mitbekommen haben, noch einmal in unseren Worten, anhand des gerade erlebten Beispiels. Ordnen die Rolle der Medien ein. Das Ziel ist es, die aufkeimende Angst zu besänftigen, zu rationalisieren, und vor allem den Jungs zu vermitteln: Macht da nicht einfach mit! Hinterfragt! Bildet euch eure eigene Meinung! Macht eure eigenen Erfahrungen!

Selber anschauen, Geschichte erleben

Diese Erfahrungen und Erlebnisse am eigenen Leib sind ein wichtiger Grund, warum wir so viel Wert auf das Reisen legen. Und warum wir Themen nicht ausklammern. So haben wir auf unserer #CEEtour17 lange mit dem Besitzer unseres Campingplatzes „Heaven in Nature“ kurz nach der Montenegrinisch-Bosnischen Grenze gesprochen. Dieser erklärte uns, dass es genau dort, auf dem geebneten Platz, auf dem unser Van die Nacht über stand, direkt nach dem Krieg, Mitte der 90er Jahre, einen der größten Umschlagplätze für Drogen und Waffen gab. Darüber reden wir mit den Jungs.

In Sarajevo gingen wir die Straßen entlang, immer mit dem Blick nach oben und der Frage, in welchen Fenstern, auf welchen Dachfirsten und auf welchen Balkonen wohl die Sniper saßen. Und warum genau um diese Fenster herum wohl die meisten Einschusslöcher zu finden waren. Auch hier sind die Kinder dabei, Geschichte auf diese Weise zu erleben.

Genau deshalb haben wir auch im Amphitheater in Pula Gladiatoren- und Ringkämpfe nachgestellt und die Arena im Stile von Olympioniken umrundet. Oder das ist der Grund, warum unsere Jungs auch ihre Holzschwerter mitnehmen, wenn wir eine Burg besichtigen.

Ringen in PulaKrieg, Kinder und Medien: Schwertspiele

Auf diese, unsere Art versuchen wir, die Bilderflut der Medien – und das ist mehr als nur die Nachrichten am TV  – anzureichern mit realen Erlebnissen, mit eigenen Bildern. Bildern, die wir uns von einem Land, der Geschichte und den Menschen machen. Wir versuchen zu gewichten: Weniger von den medial vermittelten und mehr von den echten! Weniger Video, mehr Standbild, Foto, Magazin, Buch! Und mehr Gesamtschau, mehr Einordnung als Einzelschicksale!

Stöcke und Ninja-Grinsen statt in Watte gepackt

Wie ist das nun mit dem Krieg, Kinder und Medien abschließend? Uns ist es wichtig, dass die Jungs wissen, dass es Krieg gab und gibt, und zwar teilweise gar nicht so weit weg von uns. Sowohl medial vermittelt als auch auf unserer Balkan-Tour in Form von Einschusslöchern oder den Geschichten der überlebenden Kinder im War Childhood Museum. Indem wir sie das erleben lassen und darüber reden, es einordnen, wollen wir ihnen in ihrem Alltag auch ein moralisches Gerüst mitgeben und ihnen vermitteln, dass es wohl nichts vergleichbar Schlimmes gibt, wie im Krieg aufzuwachsen. Gerade bei Jungs, irgendwo zwischen Nerf-Kanonen, Wasserpistolen und Lego Ninjago. Und ihren eigenen Kriegsspielen.Jajce Camping WasserpistolenschlachtNicht nur bei den Großen. Auch Emil sucht im Wald gezielt nach „Pistolen“-Stöcken. Und Xaver hat schon einen wilden Ninja-Gesichtsausdruck inklusive täuschend echter Handbewegung drauf. Kaspar, der Große, hingegen beginnt mit seinen 10 Jahren bei seinen Freunden am Nachmittag gechillt mal ein bisschen zu „youtuben“. Ich weiß: Ganz gleich welche Bilder, sie werden die Kinder erreichen. Früher oder später. Ich weiß, dass ich sie nicht immer und überall „schützen“ oder gar in Watte packen kann. Und das will ich auch nicht.

Ich und wir Eltern können ihnen ein gewisses Rüstzeug mitgeben und ihnen vertrauen, dass sie mit Medien und den News richtig umgehen. Ja, auch schon in ihrem Alter. Und wir können weiter wachsen mit unseren Jungs und ihren ganz unterschiedlichen Perspektiven auf die Welt. Mit den ganz unterschiedlichen Dingen, die sie zu Tränen rühren und ganz unterschiedlichen Wegen, Bilder, Geschehnisse, Erlebnisse zu verarbeiten. In Gesprächen am Tag und Träumen in der Nacht, in plötzlichen Tränen wie langen, freudseeligen Momenten.

Und auch hier, im Umgang mit den Reaktionen des Gegenübers, erscheint mir das Wichtigste, dass ich an sie weitergeben will: Sich immer selber ein Bild machen – und darüber reden! Ich glaube und spüre, das kommt an. Ihr seid wunderbar, Jungs!stolze mama weder kids

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