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Weiße Häuser, weiße Häuser, Moment, ist heute Murmeltiertag? Die haben wir doch gerade schon gesehen, oder nicht? Neuer Tag, neue Etappe der CEEtour17, gleiches Gefühl. So „wachten“ wir auf, als wir nach Gjirokastra fuhren. Und ja, die Ähnlichkeiten der beiden Städte sind nicht zu verleugnen. Doch während in Berat noch der Geruch aus den frühen Zeiten zu riechen ist, erscheint Gjirokastra aufgeräumter, restaurierter, touristischer. Irgendwie wie der große Bruder von Berat. Derjenige, der alles besser kann. Und derjenige, der es nicht versäumt, dir dies ständig reinzudrücken. Einziges Problem: Süßer ist er deshalb noch lange nicht.

Blick auf Gjirokastra Albanien

Auf und ab und rums

„Fahrt nicht da lang, da sind nur alte Straßen aus der Kommunismus-Ära.“

Diesen Satz unserer lieben Campingplatz-Betreiberin aus Berat hatten wir noch im Ohr, als uns das erste Rums weckte. Ein Gruß an die Stoßdämpfer, ein Dämpfer für uns. Was dann kam, war eine Schüttelstrecke. Mit Löchern, aufgerissener, welliger Asphalt und Seitenstreifen in Canyon-Form. Oh mein Gott. Da brauchen wir ewig nach Gjirokastra, wenn das so weitergeht. Dabei hatten wir uns eigentlich für die schnelle Google Maps Route entschieden. Muss doch eigentlich besser sein. Schonung für die von Berat noch geschundenen Kids. So der Plan. Pustekuchen.

Na gut, dann halt langsamer. Und immer mal wieder stehenbleiben. Einige architektonische Skurrilitäten warteten auf uns am Straßenrand. Ein „Oh“ beim Kriegsdenkmal in rot-gelber Marterpfahl-Anmutung. Ein „Ah“ beim Schiffshotel. Letzteres warf scheinbar nicht so wirklich viel ab. Die Matrosen sind jedenfalls von Bord. Das Haus steht zum Verkauf. Kurz kucken und weiter. Zum Glück dauerte das Straßenwaschbrett dann doch nicht so ewig wie befürchtet. Es machte rasch einer schicken, neuen Bundesstraße Platz, die uns angenehm nach Gjirokastra gleiten ließ. Mit ruhigen, entspannten Kindern. Und entsprechenden Eltern.

Jugoslawien Denkmal auf dem Weg nach GjirokastraSchiff Hotel auf dem Weg nach Gjirokastra

Gjirokastra: Silberburg und weiße Häuser

Silberburg, das ist die Übersetzung von Gjirokastra. Eingetragen als UNESCO Weltkulturerbe seit 2005, bekannt als Geburtsstätte des albanischen Kommunismus-Diktators Enver Hoxha. Und deshalb verschrien als von ihm verhätschelte Museumsstadt. Die „Stadt der Steine“ hat viele Namen. Tatsächlich: Im Vergleich zu Berat erscheint sie rausgeputzter. Die Häuser sind sauberer hergerichtet, die Straßen aufgeräumter, die Parkplätze auf den „Ansturm“ von Touristen vorbereitet. Ein Touristeninformationshäuschen begrüßt am Altstadteingang in Richtung Burg. Dazu gibt es ein klassisches „Wo-ist-Was“-Touritäfelchen, einen Parksheriff, ein Echter mit Ausweis. Weiters Haupttouristengassen mit kleinen Lädchen mit allerhand Albanien-Gjirokastra-Schnippes, kleine Cafés, Restaurants und Imbissstuben. Gjirokastra, eine ausgewiesene Touristadt?

Bei Leibe nicht. Von ständigem Überlaufen und boomender Wirtschaft ist Gjirokastra noch weit entfernt. Als wir dort waren, war fast nichts los. Nur vereinzelte Albanien-Rundreisende wie wir waren zu sehen. Selbst die Einheimischen schienen sich zu verstecken. Gänzlich. Irgendwie stimmte das mit Museumsstadt. Alles in allem aber angenehm, entspannt, trotz bergauf. Vor allem mit den Kindern, die hier ohne große „Hundeleine“ frei herumlaufen konnten, obwohl es sich um Autostraßen handelte. Dennoch: Es ist absolut vorstellbar, wie es zugehen kann, wenn die mit schicken Buttons getaggten Ausflugsgruppen der Kreuzfahrtschiffe hier einfallen, die an der albanischen Küste in Saranda oft anlegen.

In den Gassen von Gjirokastra Albanien

Mehr Burg als Berat

Wenn wir schon bei den Vergleichen mit Berat sind, legen wir das auch bei der Burg an. Was in Berat mehr einer Ruine glich, ist an Gjirokastras höchster Stelle ein echtes Bollwerk übrig. Das größte seiner Art in Albanien. Und deshalb mit 200 Lek pro Erwachsenem wohl auch doppelt so teuer im Eintritt als in Berat. Wobei teuer für 1,50 Euro auch wirklich relativ ist.

Die Burg selbst ist noch teils alt, teils restauriert. Das hat einen Grund: Hier findet schon seit Jahrzehnten alle fünf Jahre das Nationale Folklorefestival statt. So etwas wie „Albanischer Musikantenstadl meets Dancing Stars“. Jedenfalls können sich dort traditionelle Tanzgruppen den ersten Preis in einem mehrtägigen Wettbewerb ertanzen. Dafür extra erbaut: eine spezielle Stahlbühnenkonstruktion vor dem markanten Uhrenturm.

Weder Familie auf der Burg in Gjirokastra AlbanienTheater und Kirche auf Burg in Gjirokastra

Weders auf der Burg Gjirokastra

Krieg und Geschichte ziehen

Im Inneren der Burg hingegen herrschen weiterhin Krieg und Geschichte. Die dicken Mauern beherbergen nicht nur alte Panzer und Flugabwehrsysteme unterschiedlichster Kriege, sondern auch das Nationale Waffenmuseum, das Museum zur Geschichte von Gjirokastra sowie das alte Gefängnis. Für letztere drei galt es extra Eintritt zu zahlen. 100 Lek pro Erwachsener. Haben wir dann auch gerne gemacht. Erstens waren die Räume schön kühl. Zweitens waren die Kids im Historienmodus. Verlangten förmlich danach, mehr Waffen, mehr Geschichten, mehr Historie rund um Albanien und die Burg mitzubekommen. Sicher waren sie angefixt durch die im Burgeingang repräsentativ aufgestellten Militärgerätschaften. Da sag noch einer, Marketing funktioniert nicht.

Aus Erwachsenensicht lohnen sich die Museen nicht wirklich. Oder wir sind verwöhnt von digitalen Displays und blinkenden Exponaten mit Touchytouch-Interaktion. Diese Erwartung jedenfalls wird nicht erfüllt. Hier herrscht eher der Charme eines 80er Jahre Museums mit vielen Charts. Viele Tafeln mit viel Text zu vergleichsweise wenig Exponaten. Wer tief in die Geschichte und unterschiedlichen Truppenbewegungen während der Kriege in Albanien einsteigen will, ist hier richtig. Wir waren es eher nicht. Zu viel Detail, auf Dauer zu langatmig und uninteressant für die Jungs.

Am Spannendsten war noch das Gefängnis, das noch bis 1968 Zuhause für dem Kommunismus unliebsame Gefährten war. Gut vorstellbar, wie die Insassen hier im Kalten saßen, auf harten Pritschen. Karg, unwirtlich, desillusionierend. Heeresmuseum auf der Burg von Gjirokastra Albanien

Gefängnis auf der Burg in Gjirokastra

Angeheizte Stimmung

Was also ist nun besser? Gjirokastra oder Berat? Die Entscheidung fällt schwer, wenn der Blick nur auf die Sehenswürdigkeiten und die Stadt fällt. Hier ein paar Museen mehr (die wir uns geschenkt haben), dort ursprünglicherer Charme. Da stärker auf Tourismus ausgelegt, dort ursprünglicherer Charme. Hier etwas rausgeputzter, dort ursprünglicherer Charme. Selbst die UNESCO kennt wenig Unterschiede. Sie führt die beiden Städte und ihre Stadtkerne in der Weltkulturerben-Liste gemeinsam. Also brauchen wir zur finalen Bewertung andere Maßstäbe. Wedersche Maßstäbe. Die Tagesform ist es, die entscheidet. Und da hat Berat die Nase vorn.

Der Tag in Berat war trotz größerer Strapazen, trotz größere Hitze, trotz fälschlicherweise eingeschlagenen Wegen und kurzzeitiger Familientrennung runder, schöner, überwältigender. Und die Stimmung bei unseren vier kleinen Abenteurern besser. In Gjirokastra war irgendwie der Wurm drin. Das Thema: Essen. Unser erster Versuch, uns nach langen Camping- und Wohnmobil-Zeiten mal wieder in einem Restaurant kulinarisch verwöhnen zu lassen, ging gänzlich schief. Vor der Bestellung waren wir auch schon wieder draußen. Hunger und unsere Jungs sind per se schon eine giftige Mischung. An diesem Tag zusätzlicher Grund: Julius wollte nur neben Mama sitzen, nur sie durfte die Speisekarte vorlesen.

Blöd nur, wenn das noch mehr Kids wollen. Und Franzisca zudem ständig aufspringt, um Emil und Xaver vor dem Plumps in den Springbrunnen im Biergarten zu bewahren. Dann ergibt das eine das andere. Die Folge: Raus, Jause wie immer und hängende Gesichter bis zum Abendessen. Dort Versuch zwei. In neuem Restaurant. Nach minutenlangem Erklären und Zureden. Hat funktioniert. Nur die Qualität der Speisen war dann mehr Gjirokastra als Berat. Mehr Touristenteller als Albanien-Küche. Ach, da bist Du an einem der wirklich tollen Plätze auf dieser Erde – und die Dinge, mit denen du dich beschäftigen musst, sind genau die gleichen wie zu Hause. Also doch Murmeltiertag, nur anders.

Abstieg von der Burg in Gjirokastra

Pause in Gjirokastra

Unsere Route, #CEEtour17, Etappe 7:

Gjirokastra im WederCheck
grandioses Gesamtpaketschönes Ambiente
Tourismus bedroht natürlichen Charmerelativ "kostenangepasst" für albanische Verhältnisse
6.9gesamt
Sehenswürdigkeiten7.9
Kinderfreundlichkeit7.3
Infrastruktur5.7
Versorgung6.8
Kosten7
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