vierzehn − eins =

zwei × 5 =

Heimatgefühle sind etwas, das Stefan besser kennt als ich. Er wuchs in seiner Kindheit an einem Fleck auf, während ich allein als Kind schon vier mal umgezogen bin. Heimat ist daher für mich schon immer vor allem mit einem Gefühl verbunden: totale Nähe. Nähe mit einem Ort, an dem ich ankommen kann. Wo mir mein Herz aufgeht. Dort, wo ich genau weiß, wie sich die Luft anfühlt. Wo ich die kaputten Backsteine im Weg kenne und die Menschen einfach so, quasi grundlos, mag. Bis Neuseeland war das für mich immer unsere Gottwaldsche Familien-Sommerferieninsel Langeoog an der Nordsee. Nun ist es seit unserem Neuseeland-Auslandsjahr 2011/12 Hamilton, diese 140.000-Einwohner-Stadt auf der Nordinsel von Neuseeland, zu der ich – wie zum ganzen Land – schwere Heimatgefühle hege. Ich mag es einfach, das Leben in Neuseeland.

In Hamilton daheim

In Hamilton fühlt man sich schnell zu Hause. Es ist irgendwie alles „normal“. So normal, dass der Lonely Planet von der Binnenstadt als „never going to have the glamourous appeal of their costal cousins“ schreibt. Hamilton sei „more prosaic“. Stimmt wohl, aber genau deshalb genial zum Leben. Und so normal, dass wir die Unterschiede zwischen Klagenfurt und Hamilton erst einmal nicht wirklich erkennen konnten.

Es gibt mit der Victoria Street eine feine Hauptstraße, mit einer beeindruckenden Café- und Bardichte. Es gibt eine bekannte Uni. Und viele Kinder, die sich nachmittags noch beim lokalen Dairy-Gemischtwarenhändler ein Hokey Pokey Eis kaufen. Und mit dem Lake Rotoroa einen See, an dem sich am Sonntag morgen Jogger und Hunde Wettrennen liefern.Leben in Neuseeland am Lake RotoroaEs gibt einen Bauern-Markt, an dem am Sonntag Morgen Milchkaffee geschlürft und feiner Käse eingekauft wird. Organic versteht sich. Mit lokalen Produzenten und Handwerksständen. Und es gibt mit Farmers, Warehouse und Pack’n’Save ordentliche Groß- und Supermärkte. Vor allem die Supermärkte sind mehr so Supersupermärkte. Interinterspars für österreichische Verhältnisse.

Leben in Neuseeland ist laid back und offenherzig

Irgendwie fühlen sich in Neuseeland alle überall zu Hause. Sie gehen im Schlafanzug, barfuß oder in Strümpfen einkaufen. Zumindest in ländlicheren Gebieten – und Hamilton zähle ich trotz seiner 140.000 Einwohner dazu. Auf jeden Fall bleiben dort die schlammigen Stiefel vor der Glastüre des Supermarktes stehen, wenn eingekauft wird.

Prinzipiell haben die Kiwis einen rechten Laid-back-Zugang zu Klamotten. Echte Hipster und Styler finden sich maximal in Auckland und Wellington. Oder in Universitätsstädten wie Hamilton unter den vielen Grüppchen ausländischer, vor allem asiatischer Studierender. Wir haben uns hier voll angepasst. Auch im Mindset. Julius trägt bis heute noch ungern Schuhe. Und wir hegen auch zurück auf der Nordhalbkugel unseren kunterbunten Kleidermix. Am Besten in Streifen. Oder mit kurzen Hosen auch im Winter, stylisch kombiniert mit wärmender Funktionsunterwäsche.Leben in Neuseeland in Streifen

Großer Zusammenhalt

Neuseeland ist heimelig, aber nicht im uncoolen Sinne. Was für uns Häkeldeckchen oder Kaffeekränzchen wären. Zwar sind die Kiwis beispielsweise im Vergleich zu den Australiern weniger „outgoing“ und eher vom etwas distanziert Britischen dominiert. Aber Arme, Türen und Herzen sind immer offen. So haben wir es zumindest erlebt. Und das speziell Ausländern gegenüber.

Neuseeländer wissen, sie leben sprichwörtlich am AdW. Und wenn schon, dann wollen wir zumindest, dass es allen gut geht. Wirklich gut geht. Ein solcher Zusammenhalt unter Nachbarn, unter fremden Personen, in der Community ist einzigartig. Vanlifer wird der fahrbare Untersatz oder die Sachen daraus geklaut? Sofort wird eine Aktion – medial unterstützt – gestartet, wo den Abenteurern Unterschlupf und Verpflegung gewährt wird. Eine Schaukel wird aus einem Garten geklaut? Sofort wird Hilfe angeboten, manchmal sogar ein Spendenkonto eingerichtet, um das zu ersetzen. Einfach nur genial.

Leben in Neuseeland ist einfach Leben

Das Leben ist für Neuseeländer eben einfach Leben. Und das fühlt sich für mich nah an. Sehr nah. „Das machen wir später, wenn wir alt sind“ scheint es wenig zu geben. Wenn gespart wird, dann mit Ziel, auf etwas hin. Um sich etwas gönnen. Bestes Beispiel unsere Kiwi-Nachbarn. Fünfköpfige Familie mit drei Jungs. Er „Builder“, sie Assistentin an der Uni. Legten bewusst Monat für Monat etwas zur Seite, um sich in 5 Jahren eine dicke Auslandsreise in die USA zu leisten. Mit NBA-, Disneyland- und NASCAR-Besuch und allem drum und dran. Und da waren sie dann auch.

Im Alltag heißt dieser Ansatz: Raus aus dem Büro und rauf aufs Fishingboat. Mit der Natur verbunden. So, wie es jedem einzelnen halt möglich ist. Wenn ein 3000-Euro-Mountainbike und Softshell-Jacken nicht drin sind, tun es auch Rasenmäher-Traktor, Kopfhörer und AC/DC-T-Shirt.

Wie der König der Welt in der Natur am Rasenmähertraktor - das ist Leben in Neuseeland

Wasser, Wind und Whanau

Leben in Neuseeland hatte für mich all das, was Heimatgefühle auslöst: Wasser, Wind und Whanau, Buddies, unserer erweiterten Family sozusagen, was dieser Māori-Begriff bedeutet. Mitten durch Hamilton fließt der Waikato River, der längste Fluss Neuseelands. Er wird für lustige Ruderrennen genutzt und beim „Round the Bridges„-Run vielmals überquert. Er kommt aus den Vulkanen, fließt durch den Lake Taupo und durchquert die Waikato Plains, die weite, landwirtschaftlich gut ausgenutzte Ebene, in der Hamilton liegt.Waikato River Boat RaceHier fegt einem der Wind ordentlich um die Ohren. Das ließ mein „Nordsee-liebendes-Herz“ nur noch höher hüpfen. Einziges Manko in unserem Auslandsjahr: Der Wind bläst immer. Ob Sommer oder Winter – hier gibt es kaum einen Unterschied. Und so sehr ich Wind auch mag, speziell im Frühling nervt das. Ich liebe es nämlich auch, wenn es nach Frühling riecht. Das tat es aber nicht. Es roch irgendwie gar nicht, nach nichts.

Was der Wind aber wiederum antreibt, sind die kunterbunten Heißluftballons, die in Form von Bienen, Fußbällen und Kängurus im Rahmen eines großen Festivals Ende März über den Himmel in Waikato ziehen. Dort waren wir dann auch mit unserer „Whanau„. Mit unseren Nachbarn, Unikolleginnen und Lieblingsmenschen.

Hamilton als grüne Oase

Waikato war schon zu Zeiten der Māori, der Urbevölkerung Neuseelands, dicht besiedeltes Farmland. Das ist es bis heute. Mit nicht so hübschen, gigantischen Dairy-Farmen und mit den Fielddays, quasi der überdimensionalen Herbstmesse von Hamilton. Der größten landwirtschaftlichen Messe der südlichen Halbkugel, wie man liest. Mit vielen echten Pferden, Schafen und Traktoren.

Es gibt hier aber auch die lieblichere Seite der Landwirtschaft. Märkte, wie in „unserem“ Stadtteil Tamahere. Und Erdbeerplantagen mit dem wohl besten Erdbeereis, das wir je gegessen haben. Und wir lieben bekanntlich Eis. Leben in Neuseeland war für 6inaVan auch ein Abo auf der Erdbeerfarm

Grün im Alltag

Grün war es auch um uns herum. Das haben wir im Alltag genossen. Kindergarten und Arbeiten, Spielplatz und Fußball oder Rugby im Garten. Hauptsache raus. Bei Wind und Wetter. Besonders beliebte Anlaufstation am Nachmittag waren zum einen der wirklich großartige Spielplatz am Lake Rotoroa und die Hamilton Gardens.Leben in Neuseeland bedeutet Schaukeln und in der Natur seinIn den Hamilton GardensDiese kuscheln sich quasi mitten in der Stadt an den Waikato River. Botanische Gärten im Kleinformat. Zu freiem Eintritt. Mit einem kleinen, feinen Spielplatz und indischen oder sehr englischen Garten mit Hecken zum Fangen und Verstecken spielen. Und Modellboote, die auf den kleinen Seen fahren gelassen werden und nur von den Enten zum Kentern gebracht werden.Leben in Neuseeland mit Bötchen fahren in den Hamilton Gardens

Grillen ist Nationalsport…

Leben in Neuseeland heißt GrillenDer Duft, der sich immer wieder beim Leben in Neuseeland um unsere Nasen legt, ist der von gebratenem Fleisch. Kurz BBQs. Grillen ist Kochen. Gasbetrieben. Am Fußballplatz, beim Schulfest und in jedem Garten. Herrlich. Heimspiel. Keine „popeligen“ Rostbratwürstel, keine eitrigen Käsekrainer. Hier gibt es dicke „Sizzlers“, reingepackt in eine Scheibe Toast. Und auch wenn das Gesundheitsamt wohl warnen würde: Sie waren und sind der Traum aller Kinder.

„Richtiges“ Fleisch für die Großen gibt es in den Supersupermärkten in allen Farben und Formen. So hieß es an Weihnachten für uns statt Gänsebraten Rib Eye Steak. Oder ein schönes Lammkotelett. Wobei letzteres etwas makaber aufstößt, wenn gerade „Ag days“ sind.

Ag days sind die so genannten Agricultural Days an den Schulen. An diesen bringen Kinder ihre eigenen Tiere mit. Ja, Schulprojekte in Neuseeland heißen nicht nur Basteln oder Recherchieren. Das Schulprojekt zu den Ag days heißt ein Lämmchen oder Kälbchen für drei Wochen aufzuziehen. So wohnte der kleine „Milkey“ unseres Nachbarjungen quasi bis zu den Ag Days bei uns in Garten und Haus mit. Und Milkey darf natürlich nicht auf den Grill.Leben in Neuseeland mit den Ag Days

BYO Steinlager

Apropos Grillen: In Neuseeland wird BYO gelebt. Also „Bring your own“. Der Gastgeber stellt den Grill, Salate und Saucen. Die Gäste bringen mit, was auf den Grill kommt. Und die eigenen Getränke. Haben wir nicht gewusst – und beim ersten Mal gleich falsch gemacht. War aber nicht dramatisch. Denn auf Fleisch und Getränken stehen keine Namen. Alles kommt auf den Griller, und dann in einen Topf – und jeder nimmt, was er mag. Das haben wir schnell gelernt. Genauso, was das beste Bier in Kiwi-Land ist: Steinlager. Unbedingt probieren.Steinlager Beer aus Neuseeland

…und Rugby auch

Und nebenher läuft natürlich Rugby, der Nationalsport #1! Ohne Frage. Natürlich gibt oder besser gab es in Hamilton da noch das Straßenrennen, das Hamilton 400. DTM down under sozusagen. Oder Cricket, was man in meinen Augen nur mit einem gut gefüllten Picknickkorb und im Sonnenschein erträgt. Aber es geht nichts über die Chiefs. Spielen in der Super-Rugby-League und wenn daheim, dann im Waikato Stadium. Wir hatten sogar das Glück, zur WM vor Ort zu sein. Nichtsahnend über die Rugby-Begeisterung den Kracher Wales gegen Samoa live geschaut. Was ein Erlebnis. Auch als weniger Rugby-Fan.Bei der Rugby WM in Neuseeland 2011

Leben in Neuseeland auch daheim

Wenn mich das Heimweh nach Hamilton plagt, dann ziehe ich mich extra „nicht-uni-konform“ und kunterbunt an. Dann laufe ich mit den Jungs einmal im Regen durch den Garten. Oder Kaspar macht einen Haka, den traditionellen Kriegstanz, der heute vor jedem Rugby-Länderspiel die Gegner der Nationalmannschaft, der All Blacks, einschüchtern soll. Oder Stefan schmeißt sich in sein Rugby-Shirt und grillt – in kurzen Hosen, gerne auch im Schnee. Leben in Neuseeland auch daheim. Leben in Neuseeland im Kopf.Leben in Neuseeland heißt auch den Haka können

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Leben mit Kindern in Neuseeland. Wir haben es für ein Jahr gemacht. Das Gefühl der totalen Nähe. In Hamilton. Eine unscheinbare Stadt als Symbol des Kiwi-Lifestyle. Und was wir uns davon abschauen sollten. Ein 6inaVan Erlebnisbericht.

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